Emotionale Intelligenz ist nicht mit Geld aufzuwiegen

Wenn man die Diskussion um die Arbeitsmarktpolitik in Österreich verfolgt, erlebt man ein wunderbares Beispiel von Oberflächlichkeit und Kosmetik-, bzw. Symptompolitik.

Sowohl der Chef des Arbeitsmarktservice (Karl-Heinz-Kopf), wie auch der österreichische Arbeitsminister (Martin Kocher) überlegen, die Zuverdienstmöglichkeit für Bezieher*innen von Arbeitslosengeld zu streichen. https://oe1.orf.at/player/20210826/648972/1629972150000

https://www.derstandard.at/story/2000129177993/ams-chef-kopf-will-dass-arbeitslose-keine-nebenjobs-mehr-annehmen

Prinzipiell ein spannender Gedanke, der aus dem Bedarf erwächst, Arbeitslose zu motivieren, schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Allerorts mangelt es an Arbeitskräften. Selbst in der Gastronomie sind die armen Wirte schon gezwungen, einen Ruhetag einzuführen, weil ihnen Personal fehlt. “Das Gasthaus Bachwirt in Knittelfeld ist für das urige Ambiente und den schattenspendenden Gastgarten bekannt. Seit der Eröffnung 1994 hat es – mit Ausnahme des Lockdowns – 365 Tage im Jahr für seine Gäste geöffnet.  Doch nun hat man einen Beschluss gefasst: „Ab dem 29. August werden wir vorläufig sonntags geschlossen haben“, sagt Juniorchefin Tanja Hölzl. Obwohl es einer der umsatzstärksten Tage sei, mache der Personalmangel die Einführung eines Ruhetages unausweichlich.” https://www.kleinezeitung.at/steiermark/murtal/6023598/Wirtin-ueber-Personalmangel_Unser-Sozialsystem-ist-zu-grosszuegig

Lernen Sie Psychologie!

Schon 1959 hat der amerikanische Professor für Arbeitswissenschaft und klinischer Psychologie, Frederik Herzberg, in seiner Zwei-Faktoren-Theorie den Unterschied zwischen Hygienefaktoren und Motivationsfaktoren deutlich gemacht.

Die Zwei-Faktoren-Theorie (auch Motivator-Hygiene-Theorie) von Frederick Herzberg (1959) ist eine Inhaltstheorie zur Motivation, speziell der Arbeitsmotivation. Wie der Name sagt, unterscheidet Herzberg genau zwei Arten von Einflussgrößen. Zum einen Faktoren, die auf den Inhalt der Arbeit bezogen sind (Motivatoren), und zum anderen Faktoren, die auf den Kontext der Arbeit bezogen sind (Hygienefaktoren). Zu den Inhaltsfaktoren gehören z. B. Verantwortung zu tragen oder Anerkennung zu erwerben; die Kontextfaktoren können die Bezahlung und äußere Arbeitsbedingungen sein.

Zufriedenheit und Unzufriedenheit stellen hier aber nicht die beiden äußersten Ausprägungen einer Eigenschaft dar, sondern sind als zwei unabhängige Eigenschaften zu betrachten. Die „Hygienefaktoren“ (unzufrieden – nicht unzufrieden) sowie die „Motivatoren“ (nicht zufrieden – zufrieden) repräsentieren diese beiden Bereiche. Der Theorie nach müssen beide Ausprägungen vorhanden sein, um Arbeitszufriedenheit zu erleben. https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-Faktoren-Theorie_(Herzberg)

Erfolgserlebnisse, Anerkennung, die Arbeit selbst, Verantwortungsgefühl, Fortschritt und Wachstum sind Faktoren, die zu Zufriedenheit führen. Firmenpolitik und Verwaltung, Technische Kompetenz der Vorgesetzten, Persönliche Beziehung zu den Vorgesetzten, Arbeitsbedingungen und auch das Einkommen, sind Faktoren, die zu Unzufriedenheit führen. Dies ist in der Zwischenzeit auch neurobiologisch vielfach nachgewiesen worden. So wie Motivationsfaktoren nie zu Unzufriedenheit führen können, halt einfach nicht vorhanden sind, können Hygienefaktoren nicht zu Zufriedenheit führen.
Mehr Geld macht also nicht glücklich, sondern es ist die Unternehmenskultur, die motiviert.

Ich motiviere also Arbeitslose nicht, schlecht bezahlte Jobs anzunehmen, indem ich ihnen etwas wegnehme, sondern indem die Chefs, Unternehmer, Gastwirte, … Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich die Mitarbeiter*innen wohlfühlen.

Gehen wir aber in dieser Diskussion noch einen Schritt weiter: Geld ist nach der Maslow´schen Motivationstheorie eher im Bereich der Sicherheitsbedürfnisse, die Nahrungsmittel, die wir uns davon kaufen, im Bereich der physiologischen Grundbedürfnisse zu finden.

Der ORF Journalist Armin Wolf hat schon vor 6 Jahren in einem wunderbaren facebook posting über die Sicherheit nachgedacht, die nicht wiederkommt. Er schreibt darin: “Es geht gar nicht konkret um die 1970er, sondern um ein Lebensgefühl. Um die Übersichtlichkeit von damals, die Ordnung und die alltägliche Grundsicherheit – dass es Arbeit gibt und die Wirtschaft wächst, dass Papa nächstes Jahr mehr verdienen wird als heuer und in fünf Jahren noch mehr, dass man sich keine grundsätzlichen Sorgen machen muss. Und völlig klar war, dass es den Kindern einmal besser gehen wird – jedenfalls aber nie wieder so schlecht wie unseren Großeltern oder Eltern, die einen Krieg und die große Not danach erleben mussten. Das Wirtschaftswunder war in den 1970ern schon vorbei, das Land wieder aufgebaut, es herrschte „Vollbeschäftigung“ … Heute haben sehr viele Menschen Angst vor der Zukunft. Fast eine halbe Million ist arbeitslos, wer nicht selbst betroffen ist, kennt jemanden und fast jeder merkt, wie der Druck am Arbeitsplatz steigt. Wer über Mitte 40 ist, macht sich häufig Sorgen um den eigenen Job, auch in Branchen, in denen das früher nicht so war – und vor allem um die Zukunft seiner Kinder. Dass die es mal besser haben werden, ist keineswegs gewiss, in vielen Mittelschichtfamilien sogar eher fraglich.
In den Nachrichten laufen bad news ohne Ende, alleine gestern: Terror in Bangkok, wieder Kämpfe in der Ukraine, IS-Offensive in Syrien, Griechenland-Milliarden und Asylkrise, Flüchtlinge, Zuwanderer …”

Als Armin Wolf dieses Beitrag 2015 schrieb, wusste er noch nichts von Covid-19. Nichtdestortrotz trifft er den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf. Die fortschreitende Digitalisierung (beschleunigt durch die Corona Krise) verändert Arbeitsmarkt und Gesellschaft.

Es wäre also längst an der Zeit über neue Formen von Arbeit nachzudenken, wie es Frithjof Bergmann, beginnend mit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts getan hat. Da das „Job-System“ an seinem Ende sei, habe die Menschheit die Chance, sich von der Knechtschaft der Lohnarbeit zu befreien. Zentrale Werte der „Neuen Arbeit“ seien Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft. Diese solle aus drei etwa gleichen Teilen bestehen: Erwerbsarbeit, „smart consumption“ und „High-Tech-Self-Providing“ (Selbstversorgung auf höchstem technischem Niveau) sowie „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“. https://de.wikipedia.org/wiki/Frithjof_Bergmann#Thesen

Oder, wie ich in einem posting von Manfred Prantner entdeckt habe:

Richard David Precht: Eine andere Gesellschaft – Regeln für die Menschlichkeit
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Jeder spürt, dass unsere Welt sich rasant verändert. Die Digitalisierung wichtiger Lebens- und Arbeitsbereiche wird auch unsere Gesellschaft in unvorstellbarem Ausmaß verändern. Der deutsche Philosoph und Publizist Richard David Precht rechnet mit einer künftigen Gesellschaft, bei der es weniger um Lohnerwerbsarbeit geht, als mehr um die Frage, was Menschen wirklich arbeiten wollen. Es wird wieder eine andere Form von Gesellschaft geben, die vielleicht strukturell ähnlich ist wie das alte Griechenland. Der freie griechische Mann war deswegen ein freier Mann, weil er nicht gearbeitet hat. Gearbeitet haben die Frauen, die Sklaven und die Ausländer. Die Frauen, die Sklaven und die Ausländer der Zukunft werden in vielen Bereichen die Roboter und Computer sein.
Es bleibt die Frage, wovon wir leben, wenn Roboter und Computer uns die Arbeit abnehmen. Der Philosoph hat auch darauf eine Antwort, er ist ein Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens von etwa 1400 Euro, finanziert über eine Finanztransaktionssteuer. Damit der Arbeitsanreiz erhalten bleibt, stellt er sich vor, dass das Grundeinkommen steuerlich nicht angerechnet wird. Dann könnte man 800, vielleicht 1000 Euro im Monat steuerfrei dazu verdienen. Eine Krankenschwester, die halbtags arbeitet, käme dann mit dem Grundeinkommen auf 2500 Euro netto – wesentlich mehr als heute. Das wäre ein Anreiz, den Beruf zu ergreifen.
Es wäre wirklich schön, wenn sich die österreichischen Unternehmer*innen, die österreichische Politik, … sich endlich mal darüber Gedanken machen würde, wie wir ein emotional intelligentes Unternehmertum etablieren und so neuen Formen von Arbeit und Sicherheit möglich machen könnten.

 

Literatur:

Bergmann, Frithjof (2017): Neue Arbeit, Neue Kultur. Arbor Verlag.

Purps-Pardigol, Sebastian (2015): Führen mit Hirn. Campus Verlag, Frankfurt

Rosenow, Jens (2006): Motivation: Theorie und Praxis nach der Zweifaktoren-Theorie nach Herzberg. Studienarbeit. Grin Verlag

Seibt, Martin (2019): Mitarbeiterzufriedenheit 4.0: Kooperative Führung im Zeitalter der Digitalisierung, bookboon Verlag.