Am 10. Mai Vortrag bei der Jugendrotkreuz-Konferenz zum Thema Cyber-Mobbing

Joachim Bauer: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt

Der Aggressionstrieb ist tot, doch die Aggression lebt. Doch welchen Regeln folgt sie? Aggression ist ein evolutionär entstandenes, biologisch angelegtes Verhaltensprogramm, welches abgerufen wird, wenn Menschen Schmerz erleiden oder in ihrer körperlichen Unversehrtheit anderweitig bedroht sind. Wer Schmerzen zufügt wird Aggression ernten. Eine bahnbrechende Erkenntnis der modernen Hirnforschung war, dass die Schmerzzentren des Gehirns jedoch nicht nur auf körperlichen Schmerz, sondern auch auf soziale Ausgrenzung und Demütigung reagieren. „Aus der Sicht des Gehirns“ wird soziale Zurückweisung also wie eine körperliche Bedrohung wahrgenommen. Dies macht verständlich, warum nicht nur körperlicher Schmerz, sondern auch soziale Ausgrenzung regelhaft Aggression nach sich zieht. Ausgrenzung vollzieht sich nicht nur dort, wo Menschen z. B. gemobbt oder gedemütigt werden. Auch wer ohne soziale Bindungen lebt, befindet sich im Zustand der Ausgrenzung. Dies gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche. Vor dem Hintergrund moderner neurobiologischer Erkenntnisse erweist sich menschliche Aggression als ein soziales Regulativ im Dienste des Erhalts oder der (Wieder-)Erlangung von guten zwischenmenschlichen Bindungen.

Aggression kann ihre wichtige, konstruktive Rolle als soziales Regulativ nur dann erfüllen, wenn sie sprachlich kommuniziert wird. Überall dort, wo die Kommunikation zwischen Konfliktparteien abgebrochen ist, zeigt sie ihre destruktive, zerstörerische Seite. Ein überaus wichtiger Grund dafür, dass Aggression ihre kommunikative Funktion immer wieder verfehlt, beruht auf dem Phänomen der Verschiebung. Da Aggression – meist aus Gründen ungleicher Machtverhältnisse – dort, wo sie ihren Ausgangspunkt hatte, oft nicht gezeigt werden kann, wird sie entweder zeitlich oder auf nicht beteiligte Adressaten „verschoben“. Ein Beispiel hierfür sind Kinder oder Jugendliche, die zuhause weder Zuwendung noch Erziehung erhalten und stattdessen Vernachlässigung oder Gewalt ausgesetzt sind. Sie speichern das in ihnen entstehende aggressive Potential in einem „Aggressionsgedächtnis“ und entladen es stattdessen in der Schule oder im öffentlichen Raum. Hier würden bzw. werden „Aggressionsflüsterer“ gebraucht, um die scheinbar „unerklärliche“ Aggression solcher Kinder oder Jugendlicher zu verstehen.

Joachim Bauer schreibt in seinem Buch weiter, dass Aggression auch dann stattfinden kann, wenn wir soziale Ausgrenzung auch nur beobachten. Unsere Spiegelneuronen (Joachim Bauer: Warum fühle ich, was Du fühlst) feuern bei der Beobachtung und machen somit das Verhalten anderer spürbar. Was wir als Empathie nutzen, kann auch zu Aggression werden.

Vor diesem Hintergrund ist Mobbing und Cybermobbing (als Ausformung von Aggression) zu betrachten und in den jeweiligen Kontext zu setzen. Nur so können mögliche Lösungsmodelle erarbeitet und Hilfe angeboten werden.

Schreibe einen Kommentar