Gehirn und Komplexität

Mit dem Steinzeithirn in die Digitalisierung

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Menschen sind in komplexen Situationen meist überfordert, dies hat vielfältige Gründe die Wurzel liegt aber zumeist in der menschlichen Biologie, konkret Gehirnstruktur.

Dietrich Dörner[1] beschreibt in seinem Buch „Die Logik des Misslingens“:

„… dass ein Akteur in einer komplexen Handlungssituation einem Schachspieler gleicht, der mit einem Schachspiel spielen muss, welches sehr viele … Figuren aufweist, die mit Gummifäden aneinander hängen, sodass es ihm unmöglich ist, nur eine Figur zu bewegen. Außerdem bewegen sich seine und des Gegners Figuren auch von allein, nach Regeln, die er nicht genau kennt oder über die er falsche Annahmen hat. Und obendrein befindet sich ein Teil der eigenen und der fremden Figuren im Nebel und ist nicht oder nur ungenau zu erkennen.“

Die Gehirnstruktur des heutigen Menschen entspricht der Gehirnstruktur des jungsteinzeitlichen Jägers und Sammlers, der in Familienhorden lebte, Feuer besaß und zu komplexem Werkzeuggebrauch fähig war. Die Komplexität der damaligen Situationen ist aber keineswegs mit der Komplexität heutiger Situationen vergleichbar. Überforderung tritt ein und Stressmuster machen sich bemerkbar. Aus Sicht des steinze
itlichen Gehirns droht Gefahr, somit wird die Wahrnehmung darauf ausgerichtet. Automatisierung findet statt, die Verhaltensteuerung wird dem Emotionalen Erfahrungsgedächnis überlassen, jener Hirnregion (Limbisches System), in der Erfahrungen aus früheren, gelernten Situationen abgespeichert sind. Wir verfügen eigentlich über ein „katastrophisches Gehirn“ (Martin Seligmann), das mehr das Negative registriert, als das Positive. Unsere Vorfahren mussten Feinde aller Art rechtzeitig entdecken und Gefahren antizipieren können. Der Mensch hat als Art nur überlebt, weil er sich auf das konzentrierte, was schieflaufen konnte, nicht auf das was problemlos war[2].

Der Vorteil eines großen Gehirns sowie eines komplexen Nervensystems ist unter strenger Kontrolle außerordentlich groß. Das Verhalten unterliegt zum Teil der Kortikalkontrolle (bewusste Steuerung durch die Großhirnrinde), d.h. es kann mehr oder weniger willkürlich gesteuert werden und ist somit nicht an die Stereotypie der niederen Tiere gebunden.

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Der Vorteil eines so großen Gehirns sowie eines komplexen Nervensystems ist unter strenger Kontrolle außerordentlich groß: Der Mensch ist als Generalist an unterschiedliche Umwelten anpassungsfähig. Das Ganze hat jedoch auch einen Nachteil. Je geringer die Spezialisierung, desto größer die Umwelt und umso mehr Reize müssen verarbeitet werden. Je mehr und je unterschiedlichere Reize verarbeitet werden müssen, desto leichter ist dieses komplexe System zu stören[3].Und wenn das System gestört ist, greift die Natur wieder auf eine Art Automatismus (Erfahrungsgedächnis) zurück.

Laut Prof. Dr. Lutz Jäncke[4] strömen pro Sekunde 11 Mio Bits (pro Sekunde) an Informationen auf uns ein, unbewusst verarbeiten wir 3.3 Mio Bits, das sind 30%, bewusst aber nur 11 Bits/Sekunde, das sind 0,00001% der ursprünglichen Datenmange. D.h. wesentliche für die Steuerung komplexer Situationen möglicherweise wichtige Informationen werden nicht bewusst rezipiert und verarbeitet. Ausgewählt wird nach individuellen, bewusst oder unbewusst gelernten Kriterien – d.h. entsprechend unserer bisherigen Lernerfahrungen.

Um die gespeicherten Informationen (Lernerfahrungen) zur Orientierung des Verhaltens nutzen zu können, bedarf es zusätzlich zur Speicherung der Informationen auch einer Art Bewertungssystem. Die Erfahrungen die das Individuum macht, müssen bewerten werden. Da es ein Anliegen des Gehirns ist, für ein größtmögliches Ausmaß an psychobiologischem Wohlbefinden zu sorgen, liegt es nahe, die Bewertung der Erfahrung danach vorzunehmen, ob die Erfahrung dem psychobiologischem Wohlbefinden zu- oder abträglich waren. Erfahrungen werden somit nach einem ganz einfachen Prinzip ausgewertet. Das Prinzip heißt: Gut für mich/schlecht für mich, Annähern/ Vermeiden, Plus/Minus. Ausgeführt wird dieser Bewertungsvorgang vom Limbischen System.

Das Wirken des Limbischen Systems erleben wir als begleitende Gefühle, die uns entweder vor bestimmten Handlungen warnen oder unsere Handlungskompetenz  in bestimmte Richtungen lenken. Gefühle sind somit  „konzentrierte Erfahrungen“. Ohne sie ist vernünftiges Handeln unmöglich[5].

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Tritt nun Stress durch eine Überforderung in einer komplexen Situation auf, wird die auf den Menschen aus der Umwelt einströmende Information Mittels der vorhergegangen Erfahrungen gefiltert. Setzen wir Stress mit einer Gefahrensituation gleich, wird das menschliche Gehirn diese Gefahrensituation zu vermeiden versuchen, was möglicherweise in dieser komplexen Situation eine Verschlimmerung/ Eskalation zur Folge hat.

In der Eskalationsdynamik tritt eine Steigerung der meisten Konflikte mehr oder weniger ungewollt auf. Sobald der Eskalationsprozess begonnen worden ist, entwickelt er eine innere Dynamik, die ihn stets weiter und weiter treibt und zu einer Erhöhung der Spannung führt. Konfliktsteigerung ist demnach ein pathologisches Geschehen, das nur zum Teil bewusst gesteuert werden kann. Durch den Stress, d.h. durch den zunehmenden Zwang, für psychische oder physische Selbsterhaltung wichtige Entscheidungen zu treffen, in stets kürzerer Zeit und bei schrumpfendem Handlungsspielraum, werden höhere Anforderungen an unsere Kapazität des Verarbeitens von Eindrücken gestellt, als in entspannten Situationen. Wie jedoch viele Beobachtungen und empirische Untersuchungen des Verhaltens in Stress eindeutig zeigen, nimmt die Fähigkeit zur Bewältigung komplexer Probleme noch wesentlich ab[6]. Eine Verschlimmerung bis hin zu Handlungsunfähigkeit ist die Folge.

Was hilft ist rechtzeitige Beschäftigung mit sich selbst und seiner Umwelt, um auf „Überraschungen“ vorbereitet zu sein. Ganz im Sinne des Satzes von Dalai Lama: „Nur derjenige Herrscher herrscht am besten über sein Land, der zuerst sich selbst beherrscht.“ Das gilt insbesondere im Zeitalter der Digitalisierung, in dem moderne Medien einen hohen Komplexitätsgrad mit sich bringen.

 

[1] Dietrich Dörner 2006: Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. 5. Auflage. Rororo science, S. 66

[2] Ursula Nuber in: Barbara L Fredrikson 2009: Die Macht der guten Gefühle. Campus Verlag

[3] Gerhard Schwarz 2007: Die „Heilige Ordnung“ der Männer. 5. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften

[4] Vortrag am Wissenschaftsforum der AFNB am 13.4.2014

[5] Maja Storch und Frank Krause 2011: Selbstmanagement – ressourcenorientiert. 4. Auflage. Huber Verlag.

[6] Friedrich Glasl 2002: Konfliktmanagement. 8. Auflage. Haupt Verlag